Beim Griff ins Süßigkeitenregal greifen Eltern oft zu Kaugummipackungen, ohne einen zweiten Blick auf die tatsächliche Füllmenge zu werfen. Die bunte Verpackung verspricht Kauspaß für die Kleinen, doch zu Hause folgt nicht selten die Ernüchterung: Die Packung enthält deutlich weniger Streifen oder Dragees als erwartet. Dieses Phänomen ist kein Zufall, sondern eine bewusste Marketingstrategie, die besonders bei Produkten für Kinder zum Einsatz kommt.
Wenn die Verpackung größer ist als der Inhalt
Kaugummiverpackungen sind Meister der Täuschung. Eine großzügig dimensionierte Box erweckt den Eindruck von reichlich Inhalt, während im Inneren oft nur wenige Streifen in einer überdimensionierten Plastikschale liegen. Das Problem: Verbraucher orientieren sich beim Schnellkauf primär an der Größe der Verpackung und weniger an den Gramm- oder Stückzahlen, die oft im Kleingedruckten versteckt sind.
Besonders perfide wird es, wenn Hersteller die Füllmenge reduzieren, die Verpackungsgröße aber beibehalten. So bleiben 15 Streifen in einer Packung, die früher 20 enthielt – der Preis jedoch steigt oder bleibt gleich. Für gestresste Eltern an der Supermarktkasse wird diese versteckte Preiserhöhung zur teuren Falle.
Warum gerade Kaugummi-Packungen so anfällig für Mogelei sind
Kaugummi ist ein Impulsprodukt, das selten auf dem Einkaufszettel steht. Die Kaufentscheidung fällt binnen Sekunden, oft auf Drängen der Kinder, die von bunten Designs angezogen werden. Hersteller nutzen diese Situation geschickt aus, indem sie doppelte Böden in Kartonverpackungen einbauen, breite Plastikschalen verwenden, die die Fläche statt der Höhe nutzen, mehrschichtige Verpackungen mit Luft zwischen Außen- und Innenhülle konstruieren oder Designelemente einsetzen, die Volumen vortäuschen, ohne es zu liefern.
Der psychologische Trick mit der kindgerechten Gestaltung
Verpackungen mit Comic-Figuren, grellen Farben oder interaktiven Elementen lenken gezielt von der Inhaltsmenge ab. Während Kinder die Aufmerksamkeit der Eltern auf die äußere Gestaltung ziehen, bleibt keine Zeit für den kritischen Blick auf die Nettoangabe. Diese Ablenkungstaktik funktioniert besonders gut in der hektischen Supermarktatmosphäre. Studien belegen zudem, dass voluminöse Verpackungen höhere Erwartungen an den Inhalt wecken und das Gewicht der Verpackung die Wahrnehmung der enthaltenen Menge beeinflusst.
So erkennen Sie Mogelpackungen beim Kaugummi-Kauf
Der einzige zuverlässige Schutz ist der Blick auf die Nettoinhaltsmenge. Diese findet sich meist auf der Rückseite oder an der Unterseite der Verpackung. Bei Kaugummi gibt es jedoch eine entscheidende Besonderheit, die viele Verbraucher nicht kennen.
Die rechtliche Lücke bei der Mengenangabe
Bei Kaugummipackungen unter 100 Gramm dürfen Hersteller ausschließlich die Stückzahl angeben – eine Gewichtsangabe in Gramm ist nicht vorgeschrieben. Diese Regelung der Fertigpackungsverordnung schafft eine Vergleichslücke, die es Verbrauchern erheblich erschwert, verschiedene Produkte gegenüberzustellen. Während bei fast allen anderen Lebensmitteln die Gramm-Angabe Standard ist, bildet Kaugummi hier eine Ausnahme.
Das Problem verschärft sich dadurch, dass eine Packung mit 30 Stück aus 10 großen Streifen oder 30 kleinen Dragees bestehen kann. Ohne Gewichtsangabe ist ein fairer Preisvergleich nahezu unmöglich. Verbraucherzentralen kritisieren diese Regelung seit Jahren und fordern, dass die Angabe der Füllmenge in Gramm zusätzlich verpflichtend werden sollte. Tatsächlich melden sich regelmäßig Verbraucher bei den Verbraucherzentralen und beschweren sich über diese unübersichtliche Kennzeichnungspraxis.
Hier hilft nur: Die Verpackung genau studieren und im Zweifel zur Konkurrenzpackung greifen, die transparenter gestaltet ist. Wer regelmäßig dasselbe Produkt kauft, sollte sich die Stückzahl notieren, um Reduktionen sofort zu bemerken.
Typische Täuschungsstrategien im Detail
Die Luftnummer mit den Blistern
Blisterverpackungen mit einzeln verpackten Kaugummistreifen wirken großzügig gefüllt. Tatsächlich nimmt die Plastikverpackung oft mehr Raum ein als der Kaugummi selbst. Eine Packung, die optisch für 20 Streifen Platz bietet, enthält mitunter nur 12 – die restlichen Fächer bleiben leer oder werden geschickt durch Kartoneinlagen verdeckt. Dieses Phänomen ist psychologisch wirksam: Verbraucher verbinden schwere oder voluminöse Verpackungen automatisch mit mehr Inhalt.

Der Schrumpfungstrick
Manche Hersteller reduzieren die Größe der einzelnen Streifen oder Dragees minimal, sodass äußerlich alles beim Alten scheint. Die Packung bleibt gleich groß, die Anzahl ebenfalls – nur wiegt jedes einzelne Teil weniger. Bei Schokoladenprodukten ist dokumentiert, dass Tafeln nur wenige Millimeter dünner gemacht werden, während Design, Verpackung und Größe sich quasi nicht verändern. Diese Praxis lässt sich auf Kaugummi übertragen.
Das Multipack-Paradoxon
Mehrfachpackungen suggerieren Sparvorteile, enthalten aber oft weniger Inhalt pro Einzelpackung als separat verkaufte Produkte. Eine 3er-Box mit jeweils 8 Streifen, also 24 gesamt, kostet manchmal mehr als zwei Einzelpackungen mit je 15 Streifen, also 30 gesamt. Der vermeintliche Vorteilskauf entpuppt sich als Kostenfalle.
Was Eltern konkret tun können
Preisbewusstes Einkaufen beginnt mit einem kritischen Blick. Der Grundpreisvergleich nutzt zwar den Preis pro 100 Gramm auf dem Regalschild und entlarvt überverteuerte Produkte sofort, funktioniert bei Kaugummi jedoch nur begrenzt, da oft nur Stückzahlen angegeben werden. Es lohnt sich, die Packung vor dem Kauf zu schütteln oder vorsichtig zu drücken, um das Verhältnis von Hülle zu Inhalt zu erspüren. Beim Stammprodukt sollte man die Stückzahl notieren, um Veränderungen zu bemerken. Außerdem hilft es, Kinder vorher aufzuklären, dass große Packungen nicht automatisch mehr Inhalt bedeuten.
Die Macht der Beschwerde
Wer eine offensichtliche Mogelpackung entdeckt, kann diese bei Verbraucherzentralen melden. Diese sammeln Beschwerden und gehen gegen besonders dreiste Fälle öffentlich vor. Konkret dokumentiert ist beispielsweise der Fall einer Verbraucherin aus Norderstedt, die 2024 mangelnde Gewichtsangaben bei Kaugummi kritisierte. Die Verbraucherzentralen informieren auch staatliche Behörden wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft über solche Kennzeichnungsprobleme. Der Druck durch negative Berichterstattung hat bereits mehrfach dazu geführt, dass Hersteller ihre Verpackungen anpassen mussten.
Rechtliche Grauzone: Was erlaubt ist und was nicht
Überraschenderweise ist vieles von dem, was wie Täuschung aussieht, rechtlich zulässig. Solange die Nettoinhaltsmenge korrekt angegeben wird, darf die Verpackung größer sein als nötig. Die deutsche Fertigpackungsverordnung toleriert gewisse Abweichungen zwischen Verpackungsgröße und Inhalt. Lediglich bei völlig übertriebenen Größenverhältnissen greifen Regelungen zum Verbot irreführender Werbung.
Die sogenannte Füllmengenreduzierung ohne entsprechende Preisanpassung ist ebenfalls legal. Hersteller argumentieren mit gestiegenen Rohstoffkosten – doch transparente Kommunikation fehlt meist. Ein kleiner Hinweis auf eine neue Rezeptur verschleiert die Mengenreduktion geschickt. Verbraucherzentralen dokumentieren zahlreiche solcher Fälle und führen Listen von Mogelpackungen, bei denen Produkte nur wenige Millimeter kleiner werden, während Verpackung und Design nahezu unverändert bleiben.
Der versteckte Kostenfaktor für Familien
Was nach Centbeträgen klingt, summiert sich bei regelmäßigen Käufen. Wenn eine Familie wöchentlich eine Packung Kaugummi kauft und diese statt 20 nur noch 15 Streifen enthält, fehlen übers Jahr gerechnet 260 Streifen. Bei gleichbleibendem Preis bedeutet das eine versteckte Preissteigerung von 25 Prozent.
Gerade Familien mit mehreren Kindern spüren solche schleichenden Erhöhungen deutlich im Haushaltsbudget. Die Lösung liegt im bewussten Einkauf und der Bereitschaft, auch mal zur günstigeren Alternative zu greifen, selbst wenn die Verpackung weniger spektakulär daherkommt. Wer konsequent Mogelpackungen vermeiden will, sollte über den Tellerrand des Supermarkts hinausblicken. Großpackungen aus Drogeriemärkten oder dem Fachhandel enthalten oft mehr Inhalt pro Euro. Auch wenn die Anschaffungskosten höher liegen, rechnet sich der Kauf bei längerem Gebrauch.
Eine weitere Option: Gemeinsame Großeinkäufe mit anderen Familien. Vorratspackungen mit mehreren hundert Dragees sind zwar unhandlich, bieten aber das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Auf mehrere Haushalte aufgeteilt relativieren sich auch die Lagerprobleme. Je mehr Verbraucher genau hinschauen und ihr Kaufverhalten anpassen, desto stärker geraten Hersteller unter Druck, ihre Praktiken zu überdenken. Der mündige Kunde ist und bleibt die beste Verbraucherschutzinstanz – auch im Kaugummiregal.
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