Wer im Supermarkt zur saftigen Pfirsich greift, verlässt sich meist auf die Herkunftsangabe am Preisschild. Doch diese Information wirft bei genauerem Hinsehen mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Die Kennzeichnungspraxis bei Steinfrüchten wie Pfirsichen offenbart ein komplexes System aus verpflichtenden Mindestangaben und freiwilligen Zusatzinformationen, das Verbrauchern die Nachvollziehbarkeit der tatsächlichen Herkunft erheblich erschwert. Dabei unterliegt frisches Obst in der Europäischen Union klaren Vorgaben, die jedoch längst nicht alles abdecken, was für eine informierte Kaufentscheidung wichtig wäre.
Was die Gesetze wirklich vorschreiben
Frisches Obst und Gemüse muss in der EU eine Herkunftsangabe tragen. Die EU-Vermarktungsnormen schreiben vor, dass bei verpacktem und unverpacktem Obst das Anbauland angegeben werden muss. Bei Pfirsichen ist die Angabe des Ursprungslandes damit gesetzlich vorgeschrieben. Doch was bedeutet das konkret? Die Angabe „Herkunft: Spanien“ verrät beispielsweise nichts darüber, ob die Frucht aus den intensiv bewässerten Plantagen Murcias, aus den Bergregionen Kataloniens oder aus andalusischen Betrieben kommt. Anbaugebiete mit völlig unterschiedlichen klimatischen Bedingungen, Bewässerungsmethoden und Umweltauswirkungen werden unter einer einzigen Länderangabe zusammengefasst.
Die rechtliche Definition des Ursprungslandes bei Agrarprodukten ist klar: Als Ursprungsland gilt dasjenige, in dem die Frucht geerntet wurde, unabhängig davon, wo sie den größten Teil ihres Wachstums durchlaufen hat. Bei Pfirsichen scheint dies unkompliziert, doch Grauzonen zeigen sich, wenn Früchte aus verschiedenen Ländern in einer Verpackungsanlage zusammengeführt werden. Die EU-Lebensmittelinformationsverordnung fordert zwar Transparenz, lässt aber viele Details offen.
Regionale Angaben als Marketingstrategie
Manche Händler gehen über die Mindestanforderungen hinaus und geben zusätzlich Regionen an. „Aus der Region Valencia“ oder „Süditalien“ klingt konkret und vermittelt ein Gefühl von Nähe. Je präziser die Herkunftsangabe wie „Rheinland-Pfalz, Deutschland“ ist, desto vertrauenswürdiger erscheint sie. Doch Süditalien umfasst mehrere Regionen mit Tausenden Quadratkilometern, eine Angabe, die geografisch korrekt, aber für die tatsächliche Nachvollziehbarkeit wenig hilfreich ist. Die Verordnungen verlangen eine sichtbare Herkunftsinformation, lassen aber offen, wie detailliert diese sein muss.
Anders verhält es sich bei Produkten mit geschützten Ursprungsbezeichnungen oder geografischen Angaben. Diese EU-Siegel, geregelt durch die Verordnung (EU) Nr. 1151/2012, garantieren, dass ein Produkt tatsächlich aus einer spezifischen Region stammt und dort nach bestimmten traditionellen Methoden erzeugt wurde. Bei Pfirsichen sind solche Bezeichnungen jedoch selten anzutreffen. Der durchschnittliche Supermarkt-Pfirsich trägt keine solche Auszeichnung, die eher für Spezialitäten wie den Allgäuer Bergkäse vergeben werden.
Codes und Kennzeichnungen: Was sie verraten und was nicht
Aufmerksame Käufer entdecken auf Pfirsichen manchmal Los-Nummern und Packstellenkennzeichnungen. Diese dienen der Rückverfolgbarkeit und können bei Bedarf Aufschluss über die Herkunftsquelle geben. Was diese Codes jedoch nicht automatisch preisgeben: die genaue Herkunftsregion oder die spezifischen Produktionsbedingungen, unter denen die Früchte gewachsen sind. Ein entscheidender Unterschied besteht zwischen verpackten und losen Pfirsichen. Verpackte Ware muss die Herkunftsangabe direkt auf der Verpackung tragen, bei loser Ware kann die Information am Regal oder Verkaufsstand auf einem Schild ausreichen.
Dies führt zu einer merkwürdigen Situation: Verbraucher, die mehrere Pfirsiche aus verschiedenen Kisten in ihre Tüte legen, verlieren möglicherweise die Zuordnung zur korrekten Herkunftsangabe. Bei unverpackten Pfirsichen muss man sich auf die Beschilderung des Händlers verlassen, die zwar ebenfalls durch die EU-Vermarktungsnormen reguliert ist, aber schwieriger zu kontrollieren bleibt. Die Vermischung verschiedener Chargen an den Auslagen erschwert die Nachvollziehbarkeit zusätzlich.
Wenn Pfirsiche durch Europa reisen
Ein Pfirsich mit der Angabe „Ursprung: Griechenland“ könnte zunächst nach Deutschland transportiert, dort sortiert, neu verpackt und dann in österreichische Supermärkte geliefert worden sein. Obwohl der griechische Ursprung korrekt angegeben ist, sagt dies nichts über die tatsächlich zurückgelegte Strecke aus. Formulierungen wie „verpackt in Deutschland“ haben nichts mit dem Ursprungsland zu tun und beziehen sich lediglich auf Verarbeitungsschritte. Die Früchte können aus einem ganz anderen Land stammen und nur für die Vermarktung umgepackt worden sein.

Grenzüberschreitendes Verpacken ist nicht illegal, erhöht aber das Risiko von Verwechslungen. Die CO2-Bilanz und die Frische der Frucht werden durch solche Handelswege massiv beeinflusst, Informationen, die Verbrauchern vorenthalten bleiben. Besonders interessant wird es außerhalb der europäischen Pfirsichsaison. Pfirsiche aus europäischem Anbau sind typischerweise zwischen Juni und September erhältlich, wobei südeuropäische Länder wie Spanien und Italien früher in die Saison starten als nördlichere Regionen.
Überseeimporte und ihre versteckten Kosten
Wenn im Winter oder Frühjahr Pfirsiche in deutschen Supermärkten liegen, stammen diese häufig aus Überseegebieten. Die Angabe „Herkunft: Chile“ oder „Südafrika“ ist dann zwar korrekt, verschleiert aber die enorme Distanz und die damit verbundenen ökologischen Konsequenzen. Zudem werden Pfirsiche aus diesen Regionen oft unreif geerntet, um den langen Transport zu überstehen, ein Umstand, der die Qualität und den Geschmack erheblich beeinträchtigt, aber nirgends gekennzeichnet werden muss.
Untersuchungen zeigen, dass Pfirsiche in deutschen Supermärkten hauptsächlich aus Spanien und Italien stammen, zumindest während der Hauptsaison. Außerhalb dieser Zeit dominieren Importe aus fernen Ländern, deren tatsächliche Produktionsbedingungen für Verbraucher völlig intransparent bleiben. Die gesetzlichen Mindestanforderungen decken nur einen Bruchteil dessen ab, was für eine fundierte Kaufentscheidung relevant wäre.
Was Verbraucher selbst tun können
Trotz der Intransparenzen gibt es Möglichkeiten, sich besser zu informieren. Nachfragen beim Personal kann manchmal zusätzliche Informationen zutage fördern, insbesondere wenn Supermärkte mit regionalen Erzeugern zusammenarbeiten. Einige Händler bieten mittlerweile Apps an, über die sich mittels Chargennummern detailliertere Herkunftsinformationen abrufen lassen, allerdings ist dies noch lange nicht Standard. Ein einfaches, aber wirksames Instrument ist der Saisonkalender für regionales Obst. Kenntnisse über die Erntezeiten in verschiedenen Regionen helfen Verbrauchern, unrealistische Herkunftsangaben zu identifizieren.
Wer außerhalb des Zeitfensters von Juni bis September Pfirsiche kauft, kann sicher sein, dass diese aus weit entfernten Regionen stammen oder unter intensiven Gewächshausbedingungen erzeugt wurden. Diese zeitliche Orientierung schafft ein realistischeres Bild der tatsächlichen Herkunft als manche Etikettierung. Hilfreich sind auch diese Kriterien beim Einkauf:
- Präzise regionale Angaben bevorzugen statt allgemeiner Länderangaben
- Saisonale Verfügbarkeit beachten und außerhalb der Haupterntezeit kritisch sein
- Nach geschützten Ursprungsbezeichnungen Ausschau halten, auch wenn diese bei Pfirsichen selten sind
- Bei loser Ware die Beschilderung genau prüfen und im Zweifel nachfragen
Die Lücke zwischen Erwartung und Realität
Viele Verbraucher möchten wissen, woher die Lebensmittel kommen, die sie kaufen. Das zeigen zahlreiche Verbrauchernachfragen bei entsprechenden Informationsstellen. Viele gehen davon aus, dass die auf dem Preisschild angegebene Herkunft umfassende Informationen über Anbaumethoden, Transportwege und Produktionsbedingungen liefert. Die Realität sieht anders aus. Diese Lücke zwischen Erwartung und Wirklichkeit führt zu einer trügerischen Sicherheit beim Einkauf.
Der Europäische Gesetzgeber prüft derzeit, ob und in welchem Umfang die bestehenden Verpflichtungen zur Herkunftskennzeichnung erweitert werden sollten, ein Hinweis darauf, dass die derzeitigen Regelungen als unzureichend erkannt werden. Die Kennzeichnung von Pfirsichen im Supermarkt erfüllt zwar formale Anforderungen, lässt aber zentrale Fragen zur tatsächlichen Herkunft, zum Transportweg und zu den Produktionsbedingungen unbeantwortet. Verbraucher, die wirklich nachvollziehen möchten, woher ihr Obst stammt, sind auf zusätzliche Recherche, kritisches Nachfragen und ein gesundes Misstrauen gegenüber zu allgemeinen Angaben angewiesen. Eine Verschärfung der Kennzeichnungspflichten im Sinne echter Transparenz bleibt ein dringendes Anliegen des Verbraucherschutzes, das hoffentlich in naher Zukunft mehr Beachtung findet.
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