Ihr Frühstücksaufstrich enthält mehr Zucker als Sie denken: Was Hersteller auf der Verpackung verschweigen

Wer morgens zum Frühstück einen Brotaufstrich aus dem Glas löffelt, denkt selten daran, dass zwischen Etikett und tatsächlichem Inhalt oft Welten liegen. Die bunten Verpackungen von Nutella, Nuss-Nougat-Cremes und Fruchtaufstrichen versprechen natürlichen Genuss, doch ein Blick auf die Nährwerttabelle offenbart häufig eine andere Realität: Zucker in rauen Mengen und Palmöl als dominierender Bestandteil. Das Problem ist nicht nur, dass diese Inhaltsstoffe vorhanden sind, sondern dass sie geschickt verschleiert werden.

Die Nährwerttabelle richtig lesen lernen

Die Nährwerttabelle auf der Rückseite von Brotaufstrichen wirkt auf den ersten Blick wie ein undurchdringliches Zahlenlabyrinth. Doch genau hier verstecken sich die entscheidenden Informationen über Zucker, Fette und Kalorien, die über die tatsächliche Qualität eines Produkts Auskunft geben. Viele Verbraucher konzentrieren sich ausschließlich auf die Kalorienangabe, dabei sind die Detailinformationen zu Zucker und Fetten weitaus aufschlussreicher.

Ein zentrales Problem: Die Angaben in der Nährwerttabelle auf 100 Gramm bezieht sich standardmäßig, doch die tatsächliche Portionsgröße liegt meist deutlich darunter. Hersteller nutzen diesen Umstand geschickt aus, indem sie zusätzlich eine Portion definieren, die unrealistisch klein ausfällt. So erscheinen die Zuckerwerte harmloser, als sie tatsächlich sind. Bei einem Glas Nuss-Nougat-Creme gibt der Hersteller vielleicht 15 Gramm als Portion an, obwohl die meisten Menschen locker das Doppelte auf ihr Brot streichen.

Zucker hat viele Gesichter

Besonders tückisch wird es bei den Zuckerangaben. In der Nährwerttabelle findet sich die Zeile „Kohlenhydrate, davon Zucker“. Diese Angabe erfasst allerdings sämtliche Zuckerarten, von zugesetztem Industriezucker über Fruktose bis hin zu natürlich vorkommendem Zucker aus Früchten oder Nüssen. Die Unterscheidung zwischen natürlichem und zugesetztem Zucker bleibt dem Verbraucher verwehrt.

Hier kommt die Zutatenliste nach absteigender Gewichtsmenge sortiert ins Spiel. Steht dort bereits an zweiter oder dritter Stelle ein Zuckerprodukt, sollten die Alarmglocken läuten. Das Problem: Zucker versteckt sich hinter zahlreichen verschiedenen Bezeichnungen. Glukosesirup, Fruktose, Maltodextrin, Dextrose, Invertzuckersirup oder Gerstenmalzextrakt verschleiern letztlich denselben Inhaltsstoff.

Hersteller nutzen zudem einen raffinierten Kniff: Sie teilen die verwendeten Zuckerarten auf mehrere Komponenten auf. Statt einer großen Menge Zucker an zweiter Stelle der Zutatenliste erscheinen dann Glukosesirup an Position vier, Dextrose an Position sechs und Invertzuckersirup an Position acht. Rechnet man diese Mengen zusammen, übersteigt der Gesamtzuckeranteil häufig sogar die Hauptzutat.

Wenn ungesüßt nicht zuckerarm bedeutet

Ein weiterer Fallstrick: Die Begriffe „ohne Zuckerzusatz“ oder „ungesüßt“ bedeuten nicht, dass ein Produkt zuckerarm ist. Sie besagen lediglich, dass kein isolierter Zucker beigefügt wurde. Konzentrierte Fruchtsäfte oder Trockenfrüchte liefern dennoch erhebliche Zuckermengen, die sich in der Nährwerttabelle niederschlagen. Ein Fruchtaufstrich kann so trotz der Aufschrift „ohne Zuckerzusatz“ auf 45 Gramm Zucker pro 100 Gramm kommen, schlicht weil Früchte von Natur aus Fruchtzucker enthalten.

Palmöl: Der unsichtbare Dauergast

Während Zucker wenigstens als separate Kategorie in der Nährwerttabelle auftaucht, verschwindet Palmöl im anonymen Sammelbegriff „pflanzliche Fette“ oder „pflanzliche Öle“. Erst die Zutatenliste gibt Aufschluss darüber, welches Fett tatsächlich verwendet wurde. Palmöl und seine Derivate wie Palmkernöl oder gehärtetes Palmfett sind in Brotaufstrichen weit verbreitet. Es ist preiswert, bei Raumtemperatur streichfähig und geschmacksneutral.

Fast jedes zweite Supermarktprodukt in Deutschland enthält mittlerweile Palmöl, wobei 22 Prozent des deutschen Bedarfs in weiterverarbeiteten Lebensmitteln landen. Für Verbraucher ergeben sich daraus mehrere Probleme. Ernährungsphysiologisch enthält Palmöl einen hohen Anteil gesättigter Fettsäuren, die bei übermäßigem Konsum als ungünstig für die Herzgesundheit gelten. Ökologisch ist der Anbau von Palmölplantagen mit massiver Regenwaldzerstörung verbunden. Und gesundheitlich entstehen bei der industriellen Verarbeitung von Palmöl bei hohen Temperaturen Schadstoffe, die in der Diskussion stehen.

Fette in der Nährwerttabelle entschlüsseln

In der Nährwerttabelle findet sich die Zeile „Fett, davon gesättigte Fettsäuren“. Ein hoher Anteil gesättigter Fettsäuren kann ein Hinweis auf Palmöl oder andere tropische Fette sein. Ein Aufstrich mit 30 Gramm Fett pro 100 Gramm und 15 Gramm gesättigten Fettsäuren sollte kritisch hinterfragt werden. Gewissheit verschafft jedoch nur die Zutatenliste.

Besonders problematisch: Viele als „haselnusshaltig“ beworbene Produkte bestehen tatsächlich hauptsächlich aus Zucker und Palmöl, während der Nussanteil gering ausfällt. Bei Nutella steht Zucker an erster Stelle der Zutatenliste, gefolgt von Palmöl an zweiter Position, während Haselnüsse mit 13 Prozent erst an dritter Stelle erscheinen. Die Zutatenliste offenbart diese Zusammensetzung, doch die Frontverpackung suggeriert durch geschickte Bildsprache das Gegenteil.

Praktische Lesehilfen für den Einkauf

Um Brotaufstriche realistisch einschätzen zu können, empfiehlt sich ein systematisches Vorgehen. Zunächst sollte die Nährwerttabelle auf den Zuckergehalt pro 100 Gramm überprüft werden. Produkte mit mehr als 50 Gramm Zucker pro 100 Gramm bestehen zur Hälfte aus Zucker, eine Einordnung, die hilft, die Dimensionen zu erfassen. Zum Vergleich: Das entspricht etwa 17 Würfelzuckerstücken.

Bei den Fetten ist sowohl die Gesamtmenge als auch die Zusammensetzung relevant. Ein Aufstrich kann 20 Gramm Fett pro 100 Gramm enthalten, entscheidend ist, wie viel davon gesättigt ist. Weniger als ein Drittel gesättigte Fettsäuren deutet auf hochwertigere Ölsorten wie Sonnenblumen- oder Rapsöl hin. Tatsächlich gibt es palmölfreie Alternativen auf dem Markt, die stattdessen Sonnenblumenöl verwenden und damit nicht nur ökologisch, sondern auch ernährungsphysiologisch besser abschneiden.

Die Zutatenliste sollte immer parallel zur Nährwerttabelle gelesen werden. Erst die Kombination beider Informationen ergibt ein vollständiges Bild. Stehen Nüsse oder Kakao tatsächlich an erster Stelle, oder dominieren Zucker und Fette? Wie viele verschiedene Zuckerarten werden verwendet? Gibt es zugesetzte Aromen, die natürliche Zutaten vortäuschen?

Was die Nährwerttabelle verschweigt

So hilfreich die Nährwerttabelle ist, sie hat auch blinde Flecken. Informationen über die Herkunft der Rohstoffe, über Anbaumethoden oder Verarbeitungsgrade fehlen komplett. Ob Palmöl aus zertifiziertem Anbau stammt oder nicht, lässt sich daraus nicht ablesen. Auch Zusatzstoffe wie Emulgatoren oder Aromen tauchen nur in der Zutatenliste auf, nicht aber in der Nährwerttabelle.

Verarbeitungsgrade bleiben ebenfalls unsichtbar. Ein Aufstrich kann einen niedrigen Zuckergehalt aufweisen und dennoch hochverarbeitete Zuckerersatzstoffe oder modifizierte Stärken enthalten. Die Nährwerttabelle bildet diese Unterschiede nicht ab, sie zeigt nur das quantitative Endergebnis, nicht den qualitativen Weg dorthin. Ein Produkt mit Süßstoffen mag weniger Kalorien haben, ist deswegen aber nicht automatisch gesünder.

Bewusste Entscheidungen treffen

Die Fähigkeit, Nährwerttabellen kritisch zu lesen, versetzt Verbraucher in die Lage, informierte Entscheidungen zu treffen. Ein Aufstrich mit 60 Gramm Zucker pro 100 Gramm kann als gelegentlicher Genuss durchaus seinen Platz haben, solange diese bewusste Entscheidung getroffen wird und nicht auf irreführenden Produktversprechen beruht.

Für den täglichen Verzehr empfehlen sich Produkte mit überschaubaren Zutatenlisten, hohem Nuss- oder Fruchtanteil und zurückhaltender Süßung. Ein Blick auf die Nährwerttabelle zeigt, ob es sich um einen echten Nussaufstrich handelt oder um eine süße Creme mit Nussaroma. Die Mühe lohnt sich: Zwischen verschiedenen Produkten derselben Kategorie können die Zuckerwerte um das Dreifache variieren. Während manche Haselnusscremes mit 18 Gramm Zucker pro 100 Gramm auskommen, bringen andere es auf über 55 Gramm.

Mit etwas Übung wird der zunächst verwirrende Zahlenwald zu einer verlässlichen Informationsquelle, die hilft, das Marketing von der Realität zu unterscheiden. Wer lernt, die Angaben richtig zu deuten und mit der Zutatenliste abzugleichen, kann bewusstere Kaufentscheidungen treffen und Produkte wählen, die den eigenen Ansprüchen an Qualität und Zusammensetzung tatsächlich gerecht werden. Die Nährwerttabelle ist kein Buch mit sieben Siegeln, sondern ein praktisches Werkzeug für alle, die wissen wollen, was wirklich im Glas steckt.

Was überrascht dich am meisten bei Brotaufstrichen?
Der versteckte Zuckergehalt
Palmöl in fast allem
Die Tricksereien der Hersteller
Wie wenig Nüsse drin sind
Dass ungesüßt nicht zuckerarm heißt

Schreibe einen Kommentar